Warum Sie regelmäßig ihre Werte „auf den Prüfstand stellen“ sollten

Wertebasiertes Führen ist nicht nur ein Buzzword aus dem New-Work-Kosmos, sondern die Grundlage für ein gutes Miteinander in der Firma. Vanessa Weber erzählt, wie sie das Leitbild für ihr Familienunternehmen ins digitale Zeitalter übertragen hat und gibt Tipps, wie Unternehmer ihre Werte definieren können.

Ich war 22 Jahre alt, als ich unser Familienunternehmen von meinem Vater übernommen und angefangen habe, einen eigenen Führungsstil zu entwickeln. Der hat sich natürlich zunächst an den bestehenden Strukturen orientiert. Doch mit den Jahren hat meine Art zu führen sich natürlich verändert und den Gegebenheiten angepasst. Es sind neue Mitarbeiter ins Team gekommen, wir sind gewachsen und haben uns, vor allem im Rahmen der Digitalisierung, selbstverständlich auch als Unternehmen gewandelt.

Und weil diese Change-Prozesse ja nie ganz abgeschlossen sind, finde ich es so wichtig, unsere Werte und damit verbunden meinen wertebasierten Führungsstil regelmäßig zu hinterfragen und auf die Probe zu stellen – und natürlich auch mit meinem Team anzugleichen. Klar, am Ende bin ich die Chefin und muss die Verantwortung tragen, aber ein Team funktioniert einfach besser und kann authentischer für die Firma einstehen, wenn man sich auf ein gemeinsames Leitbild einigt, das man nach innen und außen transportiert. Der wichtigste Schritt dafür? Überhaupt erst mal loslegen.

3 Tipps, wie ich meine Unternehmenswerte gefunden habe

1. Finde dich selbst

Was ich ziemlich schnell festgestellt habe: Um andere anleiten zu können, hilft es, sich zunächst vor allem selbst kennenlernen. Die Stärken, Schwächen und all jenes, was einem – gerade im Arbeitsumfeld – wichtig ist. Wir glauben immer, dass uns unsere eigenen Werte eh klar sind, aber mir persönlich werden sie deutlich bewusster, wenn ich sie ausformuliere, aufschreibe und mit meinem Selbstbild abgleiche. Ich habe dafür zum Beispiel verschiedene Seminare belegt und mit Fachleuten zusammengearbeitet. Besonders das Erstellen eines HDI-Profils (ein Modell zur Denkstil-Analyse) fand ich sehr hilfreich, um mir meine Persönlichkeit – quasi aus wissenschaftlicher Perspektive – vor Augen führen zu lassen. Ich bin zum Beispiel vor allem der „gelbe und grüne Typ“, das heißt, dass ich sehr empathisch bin und mich gut in meine Mitarbeiter und in Situationen einfühlen kann. Was zum einen wunderbar ist, was es in schwierigen Situationen aber manchmal eben auch schwer macht, hart durchzugreifen, wenn das angesagt ist. Um meinen Werten trotzdem treu bleiben zu können, habe ich mir in diesem Fall einen Betriebsleiter an Bord geholt, der mich unterstützt und ergänzt mit seinen Eigenschaften.

2. Raus aus der Komfortzone für neue Impulse

Womit ich gute Erfahrung gemacht habe: In regelmäßigen Abständen gemeinsam das gewohnte Arbeitsumfeld verlassen und mit Hilfe von externen Tools neue Wege gehen. Gerade Outdoortraining umfasst eben eine ganz andere Art des Lernens als das ein Buch das man liest oder ein Vortrag das abbilden können. Draußen in der Natur bei Outdoortrainings ist einem sofort ersichtlich, was passiert – Mitarbeit und schnelle Reaktion sind gefragt, statt nur passiv das Wissen anderer zu konsumieren.

Man führt zum Beispiel einen anderen Teilnehmer, dem die Augen verbunden werden, durch den Wald oder man klettert mit einer „blinden“ Person einen Berg hoch und muss gemeinsam anleiten. Es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich Menschen in derselben Situation agieren. Ich persönlich leite zum Beispiel lieber über Worte statt über die Hand – das ist zwar am Anfang schwieriger, aber nur so findet der Mitarbeiter seinen eigenen Weg und kann langfristig firmeninterne Werte wie Vertrauen, Teamwork und Wertschätzung aufbauen. Ich finde, solch ein Training fördert Selbstständigkeit und die Möglichkeit zur freien Entwicklung und kann es in Sachen Wertefindung nur empfehlen.

3. Konkret und sichtbar werden

Werte sind ein Thema, das sich schwer greifen lässt, weil jeder Mensch bestimmte Begrifflichkeiten anders interpretiert und Wertesysteme unterschiedlich auslegt. Um aber wertebasiertes Führen in einem Unternehmen wirklich zu leben, braucht es ein gemeinsames Verständnis von Begrifflichkeiten und Verhaltensweisen, eine Art Kodex. Darum haben mein Team und ich gemeinsam mit meinem Freund und Coach Cay von Furnier in verschiedenen Übungen Worte, die unsere Unternehmenswerte wiedergeben, regelrecht auseinandergenommen und ganz konkret definiert. Damit auch wirklich jedem Einzelnen klar ist, was wir mit den einzelnen Begriffen meinen und was das für die interne sowie externe Kommunikation bedeutet. Daraus entstanden sind unsere 12 Leitbegriffe, die wir sichtbar an den Wänden angebracht haben, sowie Karten mit unseren Zielen, die jeder auf dem Schreibtisch stehen hat, um seine tägliche Arbeit damit abzugleichen. Jeden Monat stellen wir einen Begriff in den Fokus, aktuell zu Beispiel „Freundlichkeit“.

Manche Werte bleiben

Meine Werte treiben mich an und leiten mir nicht nur den Weg als Führungskraft, sondern helfen mir außerdem, im Unternehmenskontext Entscheidungen zu treffen. Eben darum werde ich auch in Zukunft einen wichtigen Fokus darauflegen und sie gemeinsam mit dem Team weiterentwickeln. Ein Wert, der für mich aber gerade als Führungskraft eines Familienunternehmens immer gelten wird, ist der des ehrbaren Kaufmanns. Denn Vertrauen, Ehrlichkeit und Verbindlichkeit werden auch in einer modernen, digitalen Welt – zumindest für mich – niemals aus der Mode kommen.

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